Sankt Margareta Frankfurt

ausBlick Dezember 2021

Die Adventszeit wird oft „Zeit der Erwartung“ genannt. Aber leider ist diese Zeit eher eine Zeit des „Erwartens“.

Michael Ickstadt 100x100 Foto Studio Hoffmann

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Adventszeit wird oft „Zeit der Erwartung“ genannt. Aber leider ist diese Zeit eher eine Zeit des „Erwartens“. Beide Wörter mögen ähnlich klingen, wollen aber etwas vollkommen Verschiedenes ausdrücken.

Viele Menschen haben eine feste Vorstellung davon, wie denn die Adventszeit und das Weihnachtsfest ablaufen sollen. Man hat sein Bild von diesen Tagen und je nach Familientradition gibt es ganz bestimmte Dinge, die dazugehören. Das sind Erwartungen. Sie reproduzieren Vergangenheit, wollen die Wiederholung, sind sozusagen rückwärts orientiert. Das Wort „Erwarten“ aber ist nach vorne orientiert, ist offen für Neues und Unerwartetes, ist eine Einstellung, eine Haltung.

Diese unterschiedlichen „Klänge“ erschließen sich gut an zwei ähnlichen und doch verschiedenen Sätze. „Ich erwarte von dir …“ wäre das eine – und dieser Satz ist schnell zu vervollständigen mit irgendwelchen Bildern und Vorstellungen, die jemand hat. Und dahinter verbergen sich eigentlich Forderungen. Das andere Verständnis zeigt sich eher in dem Satz „Ich erwarte dich!“ – ein ganz offenes, liebes „Ich bin da, ich erwarte dich – egal, wann du kommst, wie du kommst, ich erwarte dich!“

In diesen adventlichen Tagen ist mit dem Wort „Erwarten“ eigentlich genau diese zweite Richtung gemeint. Es geht nicht um das Reproduzieren bekannter Muster und Handlungen, sondern um die vorbehaltlose Offenheit für neue Entwicklungen und Ereignisse. Nicht der Blick zurück ist gefragt, sondern der Blick nach vorne. Ein solcher Blick weitet den Horizont, macht Lust zum Aufbruch. Der Blick zurück dagegen lässt erstarren, will Altes festhalten, verhindert die Weiterentwicklung.

Die entscheidende Frage heißt: Habe ich Erwartungen, oder bin ich in Erwartung? Habe ich ein Bild davon, was in diesen Tagen zu geschehen hat, oder bin ich offen dafür, wie sich Advent und Weihnachten in diesen Tagen neu in mir ereignen mögen, was das Abenteuer der Menschwerdung jetzt für mich bedeutet?

Wenn ich mein festes Bild vor Augen habe, dann werde ich ziemlich sicher enttäuscht werden, entweder weil es einfach anders sein wird oder weil ich in meinem selbst gemachten Bild bestätigt werde – aber das kenne ich ja nun auch schon.

Erwartend kann ich neugierig und gespannt sein, was diese Tage neu an Überraschung für mich bereithalten, erlebe die Erfahrungen, die ich mache als Geschenk, lasse mich auf den Weg, das Leben, diesen Gott ein.

Maria, aber auch viele andere Heilige haben eine solche Lebenseinstellung beispielhaft gelebt. Sie haben Abschied genommen von Erwartungen, um erwartend zu sein, offen für das, was dieser Gott mit ihnen und für sie wollte.

Und so wünsche ich Ihnen allen eine erwartende Adventszeit.

Dann kann Gott zur Welt kommen.

Ihr Pfr. Frank Fieseler, Kooperator

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